Die Römerstraße von Alpe di Serra

Die Römerstraße von Alpe di Serra (auch Via Teutonica genannt)

Von den römischen Wegen die über den Apennin südlich der Straße Via Francigena führten, ist die „Via di Bagno“ schon mindestens seit Anfang des 13. Jahrhunderts bekannt, als Geraldo von Wales, englischer Pilger in Rom im Winter des Jahres 1204 eine kurze aber wichtige Beschreibung von dieser gabt.

Fünfzig Jahre später wurde diese Strecke kodifiziert und als beste zwischen Bologna und Rom von zwei der wichtigsten „Reiseführer“ der Pilger aus Nord- und Osteuropa die sich in die Hauptstadt des Christentums begaben bezeichnet: die “Annales Stadense auctore Alberto” und der “Iter de Londinio in Terram Sanctam” von Mattew Paris. Beide empfahlen nämlich, einmal in Bologna angelangt, entlang der via Emilia nach Forlì zu folgen und dann die Straße einzuschlagen, die von der Ebene der Emilia Romagna über den Apenninrücken bis nach Arezzo und Rom führte.

Arezzo: ein Erlebnis, das noch heute möglich ist, wenn man dem gepflasterten Saumpfad folgt der von Bagno di Romagna auf den Serra-Pass hinaufführt.

Ein geschultes Auge kann auf der topografischen Landkarte des Casentino beobachten dass am nördlichen Hang des engen und tiefgeschnittenen Tales des Baches Corsalone, gleich im Süd-Osten von Bibbiena, zwei gewundene Straßen parallel von Bivio di Bibbiena den Fluss entlang Richtung Valle Santa führen. Der höhere ist ein antiker Marschpfad der eine lange Reihe von Ortschaften, die von mittelalterlichen Befestigungen herführen, miteinander verbindet und der dann das Arnotal entlang bis zum Alpe di Serra-Pass und dann nach Bagno di Romagna führt, während die tiefer gelegene Straße jünger und befahrbar ist und die vorhergehende teilweise ersetzt. Diese verbindet Corsalone und Bibbiena mit Rimbocchi, Corezzo oder La Verna mit Valtiberina.

Die höher gelegene und ältere Straße zweigt von der Staatsstraße SS 208 von Verna bei Bivio oberhalb Bibbiena ab und erreicht so Banzena, Moscaio und Giona, wo sie dann nicht mehr für Fahrzeuge befahrbar ist. Sie führt dann als Pfad von Giona weiter nach Pezza und von dort aus erreicht man Frassineta. Von dort aus führt dieser eilig in den Graben von Corezzo hinunter, und steigt dann vom Dorf aus Richtung Serra in einem zwei Stunden harten Aufstieg bis zum Alpe di Serra-Pass hinauf. Nach dem Pass erreicht der prekäre Saumpfad jetzt schnell Bagno di Romagna.

Man kann bemerken dass Banzena, Giona, Pezza, Frassineta, Corezzo und Serra, in einem mehr oder weniger vollständigen Zustand, Türme, Gasthäuser, Palazzi und Kirchen des Frühmittelalters bewahrt haben die zusammen ein einzigartiges archäologisches und architektonisches Erbgut darstellen das schon von sich aus sehr wertvoll ist, aber das noch kostbarer wird wenn man bedenkt dass in Deutschland und in England Dokumente und Landkarten des 13. Jahrhunderts existieren die genau diese Straße beschreiben und mit Bildern versehen. Sie galt als die beste Verkehrsader dieser Epoche für die Kommunikation zwischen dem Norden Europas mit Rom und Jerusalem.

Eine latinische Chronik des Jahres 1230 ca., die „Annales stradenses“, von einem Abt Namens Alberto geschrieben und heute in Hannover aufbewahrt, und eine englisch-normannische Landkarte circa aus dem selben Jahrzehnt von Matthew Paris gezeichnet und heute in der British Library in London, zeigt in detaillierter Form diese Strecke in Mitten von anderen mehr oder weniger wichtigen Reiserouten des Mittelalters die die Nordsee mit Rom und dem Heilige Land verbunden haben.

Diese Straße war als „Römerstraße“ in Bayern, als „Via Romea“ im Po-Tal, als „Via Major“ in den mittelalterlichen Dokumenten aus Arezzo und Camaldoli und als „Via Romea dell'Alpe di Serra“ unter den Wissenschaftlern bekannt. Sie könnte sich auch „Via degli Eserciti“ oder „Via dei Svevi“ genannt haben, da sie sicherlich den Durchmarsch vieler germanischer Kaiser, Könige und Heerscharen gesehen hat die noch zahlreicher als die Pilger von Deutschland nach Rom unterwegs waren.

Die Straße die wir auf unserer Landkarte erkennen, zusammen mit all seinen zahlreichen Varianten, Seitenwegen und Alternativen bildet ohne Zweifel eine der wichtigsten historischen Strecken Italiens. Sie tritt nur hinter die viel deklamierten Via Francigena zurück, der sie aber in nichts nachsteht. Die Straße in ihrem genauen Verlauf den wir hier aufgezeigt haben ist den Forschern nur wenig geläufig.

Die topografischen Karten des Großherzogtum, aus der Zeit bevor die großen Ingenieursbauten zwischen der Hälfte des 18. und des 19. Jahrhunderts zur Erbauung der großen Straßen in der Toskana führten, die die heutigen Autobahnen und Schnellstraßen ankündigten, zeigen wie der Verlauf der von uns im Casentino beobachteten Straße nichts anderes als der antike Verbindungsweg zwischen Bibbiena und Sarsina über Bagno di Romagna und San Pietro in Bagno war.

Bibbiena gilt für viele Forscher als Bezugspunkt eines antiken Straßenknoten von dem aus derjenige der aus südlicher Richtung kam entlang des Tales von Corsalone über Alpe di Serra oder entlang des Tales Arciano und dem Pass der einst in der Nähe von Camaldoli lag die Romagna erreichen konnte. Die Straße die heute diese beiden Strecken ersetzt ist die Staatsstraße SS71 Casentinese-Romagnola dei Mandrioli. Von Bibbiena aus, den Arno folgend kann man das Tal Val di Sieve über den Croce ai Mori-Pass sowie Florenz über den Consuma-Pass erreichen. Die Position von Bibbiena als Anhaltspunkt des aretinischen Straßennetzes zum Erreichen der Po-Ebene kommt wahrscheinlich schon aus der vor-etruskischen Epoche.

Bis ins 14. Jahrhundert wusste jeder der von den Pässen der Zentralen- oder Ostalpen kam und Mittelitalien und Rom erreichen wollte, dass der schnellste und einfachste Weg der über den Alpe di Serra-Pass war. Während des ganzen Mittelalters war die Römerstraße von Alpe di Serra also die wichtigste und einfachste Verbindung vom Norden und Nordosten aus Richtung Mittelitalien und Rom.